Tagebuch

Aby Warburg in Rom, 1928

Luftpostmarkenentwurf »Idea vincit«, 1926
Linolschnitt von Otto Heinrich Strohmeyer nach einem Entwurf von Aby Warburg und Otto Heinrich Strohmeyer. Harvard Art Museums/Fogg Museum, Gift of Paul J. Sachs © President and Fellows of Harvard College
Das Warburg-Haus ergreift im Jubiläumsjahr die Initiative und schlägt dem Bundesministerium der Finanzen die Ausgabe einer Briefmarke zu Ehren Aby Warburgs vor
Aby Warburg (1866-1929) war ein deutscher Kunst- und Kulturhistoriker und zählt heute – und das weltweit – zu den wichtigsten intellektuellen Anregern auf dem Gebiet aktueller Geistes- und Sozialwissenschaften. Am 26. Oktober 1929 jährt sich sein Tod zum einhundertsten Mal, ein hervorragender Anlass, um diesen bedeutenden Denker mit einer Briefmarke der Deutschen Post zu ehren.
Als Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie gründete Warburg in seiner Heimatstadt Hamburg die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg, deren Mitarbeiter 1933, einige Jahre nach seinem Tod, ins Exil nach London gehen mussten und dort das bis heute bestehende Warburg Institute einrichteten. Seine Forschung galt nicht nur der klassischen Kunstgeschichte (unter anderem der italienischen Renaissance), sondern vor allem dem Bild als Träger eines kulturellen Gedächtnisses, das Warburg als kollektives soziales Phänomen definierte. Dabei verband sein interdisziplinärer Anspruch sowohl Themen als auch Methoden der Kunstgeschichte, der Religionsgeschichte, der Anthropologie, der Soziologie, Psychologie und Philosophie.
Warburg erforschte, wie Motive und expressive bildliche Formen auch nach Jahrhunderten noch weiterleben und neue Wirksamkeit entfalten konnten (Stichwort: Nachleben der Antike in der Kunst der Neuzeit und Gegenwart). Für den Transfer künstlerischer Bildprägungen über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg schuf er den Begriff des »Bilderfahrzeugs«, wobei er zunächst vor allem Druckgrafiken und Flugblätter, aber auch Münzen, Medaillen und Briefmarken im Blick hatte. Aufgrund seiner philatelistischen Interessen skizzierte Warburg sogar selbst eine Briefmarke, deren Entwurf er im Dezember 1926 dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann vorlegte: Unter dem Motto »Idea vincit« (»Die Idee siegt«) wollte er mit dieser Briefmarke, die allerdings nicht realisiert wurde, die Verträge von Locarno feiern, für die der deutsche Politiker sowie seine britischen und französischen Amtskollegen Austen Chamberlain und Aristide Briand 1925 und 1926 Friedensnobelpreise erhalten hatten.
Methodisch entwickelte Warburg die noch heute maßgebliche Ikonologie, reagierte mit seinen Tafelprojekten (vor allem mit dem berühmten Bilderatlas Mnemosyne) auf die Sprachskepsis seiner Zeit, überwand die Grenzen von Hochkunst und Populärkultur und entwarf – nicht zuletzt aufgrund antisemitischer Anfeindungen sowie der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs – die ersten Ansätze einer aufklärerischen politischen Ikonologie, die bis heute dazu anregt, Bilder aller Lebensbereiche – von der politischen Propaganda bis zu den Bilderfluten der sogenannten Neuen Medien – kritisch zu analysieren, um so visueller Manipulation zuvorzukommen. Darüber hinaus ist Warburg wichtig für die Globalisierung der Geisteswissenschaften, da er als einer der ersten nicht nur europäisch-westliche Kunst, sondern auch bildliche Äußerungen anderer Kulturen in seinen Betrachtungen würdigte.
In Zeiten medialer Bilder, die zu einer weltumspannenden sozialen und politischen Herausforderung geworden sind und immer wieder zu Konflikten führen (Stichwort: Das Bild als Waffe), bieten Warburgs Überlegungen zu einem aufgeklärten Umgang mit dem Bild, zum globalen Bildertransfer in Politik, Werbung, Popkultur und Sozialen Medien einen maßgeblichen kritischen Ansatz, der heute in vielen Wissenschaften in aller Welt erfolgreich angewendet wird und gerade auch in einer jüngeren Generation von Intellektuellen und Künstlern eine lebendige Nachfolge gefunden hat.
(Auszug aus unserem »Vorschlag für eine Briefmarke für das Jahr 2029«)
Aby Warburg / K.B.W.: Warburg-Haus 1926–2026 / Politische Ikonographie