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Historische Pläne und Fotografien zur Dokumentation des Baus in Eppendorf.

Neueste Technik

Warburg legte besonderen Wert darauf, dass der zentrale, ellipsoide Raum des Gebäudes gleichermaßen als Auditorium und als Studiensaal nutzbar war, und bezeichnete ihn als „Arena der Wissenschaften“. Da sich nur ein kleiner Teil der Bibliothek im Lesesaal zur Freihandnutzung aufstellen ließ, sorgte avancierte Technik dafür, dass die Bücher aus dem Magazintrakt über eine Nische in den Lesesaal gelangten, ohne die Bibliotheksbesucher bei ihrer geistigen Arbeit zu stören. Auch bei Vorträgen kam modernstes Gerät zum Einsatz.

Hightech in der K.B.W.

Aby Warburg hatte sein Institut nicht nur mit einer umfassenden Fotothek, sondern auch mit den fortschrittlichsten Reproduktions- und Projektionsanlagen seiner Zeit ausgestattet. Der Lesesaal verfügte über ein modernes Epidiaskop, das Doppelprojektionen erlaubte, und selbst eigens angefertigte Farbdiapositive konnten zu Bildvergleichen herangezogen werden. Anlässlich seines Vortrags Orientalisierende Astrologie berichtete Warburg am 6. Oktober 1926 in einem Brief an Ludwig Binswanger über die große Anzahl der dabei eingesetzten Bilder („einen Zeitraum von etwa 4000 Jahren umspannend“) und hob bei dieser Gelegenheit die Bedeutung moderner Nachbildungstechnologie hervor: „Als große Hilfe kam bei diesem Versuch hinzu, daß unsere Photographiermaschine – eine ›Photoclark‹ von Dr. Jantsch in Überlingen – es erlaubt, in ganz kurzer Zeit eine gewaltige Anzahl von Abbildungen ohne Glasnegativ zu reproduzieren.“ Der Kunsthistoriker war sich vollkommen darüber bewusst, dass sein komparatistisches Arbeits- und Demonstrationsverfahren auch von der materiellen Ausstattung seines Bilderlabors abhängig war. In das Tagebuch der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek notierte er am 24. Januar 1928: „Ohne den Photographen im Hause würde die Entfaltung der ›neuen Methode‹ nicht möglich sein.“ Zwar stand Warburg, der in seiner Sprache immer wieder auch Metaphern der technischen Welt einsetzte, einigen Erfindungen seiner Zeit durchaus skeptisch gegenüber, und machte beispielsweise die zeitgenössischen Kommunikationsformen von Telegraf und Telefon für einen Distanzverlust verantwortlich, der den „Denkraum der Besonnenheit“ bedrohte. Doch für die Abläufe seines eigenen Forschungsinstituts nutzte er wie ein modernes Bank- oder Kontorhaus die Errungenschaften seiner Zeit: Das Gebäude der K.B.W. war mit zahlreichen Telefonen ausgestattet, ein Rohrpostsystem erleichterte die Kommunikation von Ausleihwünschen innerhalb der Bibliothek, die Bücher selbst konnten rasch und ohne die Leser zu stören mit einem unter dem Fußboden angebrachten Transportband sowie einem Bücheraufzug von den Magazinen in den Lesesaal gebracht werden.

MNEMOSYNE – DEM GEDÄCHTNIS GEWIDMET

Über dem Eingang zur Kulturwissenschaftlichen Bibliothek ist in griechischen Lettern das Wort „Mnemosyne“ eingemeißelt. Mnemosyne, Göttin der Erinnerung und Mutter der neun Musen, markiert auch Aby Warburgs Zugang zur Kunstgeschichte. So war sein Lebenswerk dem Versuch gewidmet, den Einfluss der Antike auf die Neuzeit als Effekt kultureller Erinnerungsprozesse zu konzeptualisieren. Antike Bildprägungen und Vorstellungswelten sind wie in einem Gedächtnis gespeichert und werden in der Kunst der Neuzeit gleichsam erinnert.

Bilder, so suggeriert die Metapher vom Gedächtnis, besitzen ein Eigenleben. Sie werden nicht nur kontinuierlich tradiert und bewusst angeeignet, sondern machen sich auch als geisterhafte Wiedergänger und „Revenants“ sprunghaft wieder geltend.

Bildgedächtnis

Dem Phänomen eines abendländischen Bildgedächtnisses war Warburg seit den 1890er Jahren auf der Spur. Bereits in den Aufzeichnungen zur Ausdruckskunde, die seine Dissertation zu Botticelli begleiten, konzipierte Warburg die künstlerischen Rückgriffe auf antike Bildprägungen als Gedächtnisleistung. Künstler begegnen intensiven Eindrücken, Krisen und Umbrüchen, indem sie unwillkürlich Bildformulare von extremen Erfahrungszuständen reproduzieren. Von Theoretikern wie Ewald Hering oder Richard Semon, die sich aus der Sicht der Wahrnehmungspsychologie und Evolutionsbiologie mit der Vererbung erworbener Eindrücke befassen, bezog Warburg die Stichworte „Engramm“ und „Mneme“, mit denen er die Einschreibung und Speicherung von Bildern in den psychischen Apparat wie den künstlerischen Organismus umschreibt. Warburgs besondere Aufmerksamkeit galt den semantischen Verschiebungen, denen die Bildformeln in ihren neuen Verwendungszusammenhängen ausgesetzt sind. So fragte Warburg gerade nicht nach den – im Sinne herkömmlicher Ikonographie – petrifizierten Bedeutungen von Bildmotiven, sondern – im Sinne der von ihm begründeten Ikonologie – nach ihrer Geschichte.

BILDERREIHEN – NACHLEBEN DER ANTIKE

Die eigenwillige Dynamik dieses Nachlebens wird im Mnemosyne-Atlas sichtbar, an dem Warburg ab Mitte der zwanziger Jahre arbeitete. Auf meist schwarz bespannten Holztafeln arrangierte Warburg Reproduktionen von Skulpturen, Reliefs, Fresken, Gemälden, künstlerischen und wissenschaftlichen Zeichnungen und Skizzen, Spielkarten, Zeitungsbilder und Werbegrafik. Die Arrangements in einander überkreuzenden Reihen und Konstellationen machen die Verwandlungen und Umdeutungen bestimmter Bildformeln von der Antike bis zur Moderne des frühen 20. Jahrhunderts kenntlich.

Wenn etwa die Gestalt einer tanzenden Mänade antiker Reliefs bei Ghirlandaio als schreitende Dienerin und schließlich beim Abschlag der Golfmeisterin Erika Sell-Schopp wiederkehrt, so tritt sie in Haltung und Körperumriss konstant, im semantischen Gehalt allerdings entschieden verändert auf. Die zunächst als Forschungsinstrument gedachten Bilderreihen entwickelten sich zum didaktischen Schauobjekt, aus dem eigenständige Bilderausstellungen hervorgingen.

Bilderreihen und Ausstellungen

Nach seiner Entlassung aus dem Kreuzlinger Sanatorium Ludwig Binswangers 1924 hat Aby Warburg nur noch wenige Gelegenheitsschriften veröffentlicht. Und doch waren die letzten Lebensjahre des Kunsthistorikers außerordentlich produktiv: Warburg forschte, begab sich auf Studienreisen und entwarf eine Vielzahl wichtiger Vorträge. In dieser Zeit entstanden vor allem der schließlich Fragment bleibende Mnemosyne-Atlas sowie ein gutes Dutzend von vortragsbegleitenden Bilderreihen und Ausstellungen. Art und Länge seiner Vorträge bezeugen die experimentelle Natur von Warburgs Auftritten im Laboratorium der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek. Gerade das dabei eingesetzte didaktische Medium der Bildertafel mit seinen multiplen Verknüpfungsmöglichkeiten, bei denen visuelle Simultanität an die Stelle der eindeutig gerichteten Linearität sprachlichen Nachvollzugs tritt, weist darauf hin, dass wir es bei Warburgs späten Vorträgen und den sie begleitenden Ausstellungen mit veritablen Versuchsanordnungen zu tun haben. Warburg nutzte das Format des Bilderatlas, das er zu einem ganz eigenständigen Medium entwickelte, für die polyphonen und polyfokalen Argumentationsstrukturen seiner Bildarrangements. Als offene Wissensformationen besitzen sie sowohl eine epistemische als auch eine ästhetische Dimension, ihr Layout zielt auf intellektuelle wie sinnliche Erkenntnis. Die von ihm erforschten Themen – das Nachleben antiker Kunstwerke, in denen ein existentieller Erregungszustand eingefangen ist, ihre Einlagerung ins soziale (Bild-)Gedächtnis, der andauernde Pendelschlag zwischen Aberglauben und Aufklärung – konnten in der Präsentation der Werke selbst, so Warburgs Überzeugung, anschaulicher gemacht werden als in ihrer bloß sprachlichen Deskription. Im Neben- und Gegeneinander der ausgewählten Reproduktionen sollte ein eher mechanisches kunsthistorisches Modell von Einflussbeziehungen durch eine umfassendere kulturpsychologische Theorie der Bildwanderung ersetzt werden. Aby Warburgs Bilderreihen und Ausstellungen konnten erstmals 2012 in einer kommentierten Publikation rekonstruiert werden.

GRENZGÄNGE. KUNST ALS KULTURWISSENSCHAFT

Seine Forschungen trieben Warburg weit über die Kunstgeschichte hinaus. Von den Malern der florentinischen Frührenaissance über ihre Auftraggeber und deren Bilderkulte geriet Warburg zur vergleichenden Mythenforschung, zu den Kulten der Antike und zu den indianischen Ritualen im Mittelamerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dem Verhältnis von magischem Kult und moderner Technik, von Naturreligionen und Naturwissenschaft ging Warburg auch in der westeuropäischen Tradition nach und zwar von der Astrologie des späten Mittelalters über die Mathematik der Frühen Neuzeit bis zur Technik seiner Gegenwart. Seine theoretischen Überlegungen formulierte Warburg im Rekurs auf unterschiedlichste Disziplinen, etwa der Evolutionsbiologie, Physiologie, Psychologie, Ethnologie, Religionswissenschaft, Philologie oder Linguistik. Die Kulturwissenschaftliche Bibliothek ist zugleich Ergebnis und Voraussetzung für die Grenzgänge, die Warburg an den Rändern der klassischen Kunstgeschichte unternahm – in ihr ist der Zitatraum seiner Texte zur begehbaren Ordnung geworden.

BÜCHERREIHEN – SAMMELN UND AUFSTELLEN

Bereits um 1900 besprach Warburg mit seinen Brüdern den Plan, seine Privatbibliothek gezielt auszubauen und in eine öffentliche Forschungsbibliothek umzuwandeln. In den folgenden dreißig Jahren wuchs der Bücherbestand stetig an: 1911 waren es 15.000, 1920 waren es 20.000 Bände, der Neubau der K.B.W. in der Heilwigstraße 116 sollte 120.000 fassen können. Die Erfassung und Aufstellung der Bücher folgte einem eigenwilligen Strukturprinzip. Dem „Gesetz der guten Nachbarschaft“ folgend stellte Warburg Werke über die Geschichte der Naturwissenschaft neben Bücher über magisches Denken, Divination, Astrologie oder Alchemie, um den Übergang vom kultisch-magischen Denken zur modernen Wissenschaft nachzuzeichnen. Die Anordnung der Bücher karthographiert Warburgs besondere Forschungs- und Denkwege, die sich auch für andere als produktiv erweisen.

„Gesetz der guten Nachbarschaft“

Die Stichworte „Orientierung“‚ „Bild“, „Wort“ und „Handlung“ gaben eine Gliederung der K.B.W. in vier Abteilungen vor, die sich auf die vier Magazingeschosse des Gebäudes verteilen sollten – die Abfolge der Abteilungen wurde zwar mehrfach geändert, blieb in ihrem Zuschnitt aber weitgehend konstant. Unter „Orientierung“ gruppierte Warburg solche Werke, die sich mit der Stellung des Menschen im Kosmos (Aberglaube, Religion, Magie, Wissenschaft) befassen. Entsprechend fanden sich hier Arbeiten aus der Anthropologie, der Religionswissenschaft und Philosophie sowie der Geschichte der Wissenschaften versammelt. In den Abteilungen „Wort“ und „Bild“ dokumentierten Werke zur Theorie und Geschichte der Künste den künstlerischen Ausdruck dieser wechselnden Weltverhältnisse. Die Abteilung „Handlung“ erfasste schließlich Werke aus der Geschichts- und Rechtswissenschaft, aus Volkskunde und Soziologie sowie dem Theater- und Festwesen. Ein System der dreifachen Signatur nach Fachzuordnung, Textsorte und historisch-kulturellem Feld ordnete jedes Buch drei Zusammenhängen ein. Die Anordnung auf den Regalen folgte aber nicht dem Prinzip der alphabetischen Reihung, sondern dem „Gesetz der guten Nachbarschaft“, das die Nutzer auf Bücher stoßen ließ, die sie zwar nicht gesucht hatten, aber womöglich noch besser brauchen konnten als die gesuchten Werke. Die überraschende Zusammenstellung von Büchern aus unterschiedlichen Fächern sollte Brücken zwischen den Disziplinen bauen und neue Fragen, Perspektiven und Erkenntnisse ermöglichen.

DIE K.B.W. – EIN ORT DER FORSCHUNG

Die K.B.W. war seit ihrer Gründung mehr als nur eine Bibliothek. Der Lesesaal, der zugleich als Hörsaal mit entsprechender Akustik geplant war, bot Platz für Seminare des kunsthistorischen Seminars der Universität Hamburg und regelmäßige Vortragsveranstaltungen. Im regen wissenschaftlichen Austausch formierte sich, was man als „Warburg-Kreis“ bezeichnet hat: Dazu gehörten neben Studierenden der neu gegründeten Universität und den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der K.B.W. wie Fritz Saxl und Gertrud Bing auch Forscherpersönlichkeiten wie Erwin Panofsky und Gustav Pauli (Kunstgeschichte), Karl Reinhardt (Klassische Philologie), Richard Salomon (Byzantinische Geschichte), Hellmut Ritter (Orientalische Sprachen) und Ernst Cassirer, die an der Universität Hamburg lehrten. Die anhaltende Faszination, die von Aby Warburgs Gründung der K.B.W. ausging, dokumentieren nicht zuletzt die interdisziplinären Publikationsreihen der Vorträge der Bibliothek Warburg und der Studien der Bibliothek Warburg, die im Zuge der Neueröffnung des Warburg-Hauses in den 1990er Jahren wieder aktiviert worden sind.

Warburg und Cassirer

Aby Warburgs produktive Freundschaft mit dem Philosophen Ernst Cassirer begann 1924. Den Kontakt mit der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg hatte er nach seiner Berufung nach Hamburg 1919 schon sehr früh, 1921, aufgenommen und kontinuierlich gepflegt. Er hat hier Unmengen an Büchern ausgeliehen, und häufig wurden sie auch eigens für ihn angeschafft. Nachweisbar dürfte der Einfluss der ungewöhnlichen und ungewöhnlich reichen Bibliothek auf die Ausformung von Cassirers Theorie insbesondere in den materialen ethnologischen Beiträgen zur Philosophie der Sprache, ferner in der Philosophie des Mythos und natürlich in der Abhandlung über Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance sein, die 1927 als Band 10 in den Studien der Bibliothek Warburg erscheinen sollte und die Cassirer nicht zufällig Aby Warburg gewidmet hat.

Wir wissen, dass Aby Warburg seinen Kollegen Ernst Cassirer aus der Philosophie über die Maßen geschätzt hat. Und wir wissen, dass die hohe Wertschätzung auf Gegenseitigkeit beruhte. Warburg formulierte: „Cassirer ist ein zielweisendes Symbol für die die nach uns kommen werden, des wir doch nur die „lieutenants“ sind.“ Das Genitivpronomen „des“ bezieht sich hier offenbar auf Cassirer, und dann bedeutet die Formulierung: Wir sind doch nur seine, Cassirers, Unteroffiziere. Die Metapher weist Cassirer gleichsam seinen Posten auf dem Befehlsstand der Forschungsfront an; gleichzeitig wird mit einer anspielungsreichen Ironie, die für Warburgs Scharfsinn charakteristisch ist, der Autor der Philosophie der symbolischen Formen selbst ausgezeichnet als ein zielweisendes Symbol für die die nach uns kommen werden.

Als Aby Warburg 1929 starb, hielt Ernst Cassirer als Rektor der Universität bei der Trauerfeier den Nachruf auf einen leidenschaftlichen Forscher, der – so heißt es wörtlich: „in sich selbst und an seinem persönlichen Beispiel den großen Gedanken der Universitas litterarum klar und leuchtend vor uns hin“ gestellt habe. Auch Cassirer sieht also in Warburg ein Symbol, den exemplarischen Repräsentanten eines großen Gedankens. Und das große sich in allen seinen Forschungsfragen durchhaltende Thema sei für Aby Warburg „[d)er Gegensatz und die innere Spannung von Freiheit und Notwendigkeit“ gewesen. Deutlicher konnte Cassirer die geistige Verbundenheit mit Warburg nicht machen – denn genau dies: die innere Spannung von Freiheit und Notwendigkeit, war das systematisch durchgeführte Thema seiner eigenen Philosophie der Kultur.

EMIGRATION

1933

Nach dem Tod Aby Warburgs am 26. Oktober 1929 hatte die Kulturwissenschaftliche Bibliothek aufgrund der weltweiten wirtschaftlichen Situation zwar erhebliche finanzielle Einbußen zu verkraften, doch in Gefahr war das Forschungsinstitut erst mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten geraten. Eine Übersiedlung nach Italien, wie sie Warburg noch zu Lebzeiten gelegentlich erwogen hatte, kam 1933 aus politischen Gründen selbstverständlich kaum noch in Frage, andere Länder wurden in Betracht gezogen, und schließlich konnten die Kontakte seines Mitarbeiters Edgar Wind nach England genutzt werden, um eine Übereinkunft zur Aufnahme der Bibliothek und ihrer Mitarbeiter für zunächst drei Jahre zu erzielen.

Am 12. Dezember 1933 brach das Frachtschiff Hermia von Hamburg aus nach London auf, wo Fritz Saxl, engster Mitarbeiter Warburgs und nach dessen Tod verantwortlich für die Bibliothek, unterstützt von Lord Lee of Fareham und Sir Samuel Courtauld über das Schicksal des Forschungsinstituts verhandelt hatte. Waren die Bücher mitsamt der umfangreichen fotografischen Sammlung auf der Hermia, einige Wochen später sämtliche Regale und Gerätschaften auf einem zweiten Schiff sicher im Exil angekommen, so sollte die intellektuelle Ankunft der K.B.W. im Geistesleben der englische Metropole, die schließlich 1944 in ihrer institutionellen Eingliederung in die University of London mündete, einen intensiven Austauschprozess zwischen deutschen und englischen Forschungstraditionen anstoßen.

Aus diesem einmaligen Akt einer erzwungenen „Fernleihe“ wurde schließlich eine dauerhafte und irreversible Erfolgsgeschichte, da sich die K.B.W. in London als Warburg Institute zu einem der weltweit sichtbarsten geisteswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen entwickeln konnte. Das Hamburger Warburg-Haus und das Londoner Warburg Institute erinnerten 2013 in einer gemeinsamen Tagung sowie mit einer Publikation an die Emigration der K.B.W. und ihren Einfluss auf die englische Wissenschaftslandschaft.

Das Haus in Hamburg war bis in die 1990er Jahre Sitz verschiedener Unternehmen, unter anderem der Neue Deutsche Wochenschau Gesellschaft mbh, die hier die erste Tagesschau produzierte, einer Pharma- und einer Werbefirma. 1983 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Nach fünfzig Jahren kommerzieller Nutzung erwarb die Hansestadt Hamburg 1993 das Gebäude und renovierte es. Denkmalgerecht wiederhergestellt wurde der ovale Lesesaal, Warburgs „Arena der Wissenschaft“. Seitdem wird es als „Warburg-Haus“ wieder wissenschaftlich genutzt.

Bildnachweis

© The Warburg Institute Archive, London; Warburg-Archiv im Warburg-Haus, Hamburg