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Süddeutsche Zeitung 9.3.02 Accumulator
der Leidenschaft Das "Tagebuch der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg" beginnt 1926 mit dem Einzug der Bibliothek in das neu errichtete eigene Haus und bricht ab am 26. Oktober 1929 mit Warburgs Tod. Die handschriftlichen Eintragungen, von Warburg selbst und - in geringerem Umfang - von seinen beiden Mitarbeitern Gertrud Bing und Fritz Saxl, ein Hauptzeugnis für Warburgs eigene Forschungen und die durch ihn und seine Bibliothek ermöglichten Tätigkeiten, sind hier, auf 556 Druckseiten, zum ersten Mal ediert worden. Ist dies "Tagebuch" ein Tagebuch? Oder eher ein Logbuch, ein Notizbuch oder ein Arbeitsjournal? Es war zu verschiedenem bestimmt, vornehmlich zu besprechen, "wie die Organisation des Betriebes sinngemäßer gestaltet werden kann", doch auch, um den Geld gebenden Brüdern Warburgs Rechenschaft zu legen. Es hat dann Aufzeichnungen verschiedenster Art in sich aufgenommen: Es ist Bibliotheks-, Besucher- und Mitarbeiter-Chronik; Verzeichnung geleisteter und zu leistender Tagesarbeiten, interner wie bibliothekspolitischer, kulturpolitischer Unternehmungen; kontinuierliche Sammlung von Forschungsnotizen: Formulierungsentwürfe, leitende Gedanken, Schemata, Hinweise, Einzelfragen und auch Antworten zu diesen. Das "Tagebuch" enthält dies alles zugleich, aber dies alles nur teilweise; das heißt, es ist kein für sich bestehendes Gesamtzeugnis, es muss mit den Briefen und den anderen noch zu edierenden Zeugnissen zusammen genommen werden. Nun zeigt sich aber sehr rasch, dass in der vorliegenden Edition das umfangreiche und mehrschichtige Corpus aus sowohl zusammengehörigen wie heterogenen, auch anspielend verkürzten Aufzeichnungen mit einzig einem Personenregister und einem (allerdings ertragreichen) bio-bibliographisch erläuternden Personenverzeichnis nur sehr unzulänglich erschlossen ist. Ausstellungen und -projekte, Tagungen, Vorträge (auch von Gästen), Übungen, Publikationsvorhaben, eigene Forschungen - der Bilderatlas - Orte und Werke während Warburgs Italienaufenthalt: Zu nichts hiervon sind die Stellen verzeichnet. Ohne Sachregister, ohne Register zu Hauptbegriffen, ohne orientierende Zeittafel behält das "Tagebuch" viel von seinem Gehalt für sich, wofern nicht der einzelne Lesende selber die Herausgeberarbeit nachzuholen sucht. Nach der nicht unproblematischen Edition des Bilderatlas "Mnemosyne" (Gesammelte Schriften II.1, SZ vom 4./5. August 2001), fragt man sich abermals, ob mit der Bezeichnung "Studienausgabe" für die "Gesammelten Schriften" von Aby Warburg eine definitiv kursorische Editionsarbeit entschuldigt werden soll. Schwerlich aber wird dieser "Studienausgabe" so bald eine andere folgen; darum wird nach Abschluss der vorliegenden ein Ergänzungsband benötigt werden. Schief stehende Bücher Das "Tagebuch" ist entstanden und geführt worden nicht um der praktischen, äußeren Belange willen, sondern aus innerstem Beweggrund Warburgs selbst. Warburg war Empiriker; das berühmte Wort vom lieben Gott im Detail, einmal im Tagebuch von ihm selbst zitiert, besagt: Er ist in etwas, das konkret ist. Wie für Warburg der Gehalt eines Buches mit dessen "körperlicher Gegenwart" verbunden war, so sollte das "Tagebuch" allen Arbeiten und Unternehmungen der Bibliothek die sie festigende Form geben, und es sollte für das gemeinsame Denken der "Leitung" - Warburg, Bing, Saxl - die körperliche Form sein. Inmitten der Tagesgeschäfte ist Warburg wie in seinem Denken stets angespannt, konzentriert, hoch empfindlich, ungeduldig. Er lässt in seinem Haus keine Nachlässigkeit durchgehen (Gräuel schief stehender Bücher, kostbarer Malerpinsel zum Abstauben benutzt) und keine bei seinen Geschäftspartnern. Oft blitzt sein Witz auf, der manchmal aber auch ein Aufseufzen ist. Der durchdringende Scharfblick, die virtuose Sprachschärfe, mit welcher er - ein Genie der Menschenkenntnis - seine Gegenüber skizziert, kann einem den Atem verschlagen. Und immer wieder einmal erweist sich unversehens, aber fast immer nur im richtigen Augenblick Warburgs Großmut. Besucher, Begegnungen, Briefe: Aus der Aufzählung der Namen lässt sich erahnen, welch ein einzigartiges geistiges Zentrum die Bibliothek - als "Problem-Bibliothek" und mit ihrem "sogenannten phantastischen Ziel" (Warburg) - damals gewesen ist. Außer den Kunsthistorikern und Archäologen die Literaturwissenschaftler Ernst Beutler, Paul Böckmann, Johannes Bolte, Konrad Burdach, Robert Petsch, Karl Vossler, Georg Witkowski und, wie bekannt, Ernst Robert Curtius; die Orientalisten Werner Speiser, Heinrich Zimmer, der Physiker Walther Gerlach, der Pädagoge Georg Kerschensteiner, der Theologe Adolph von Harnack; Thomas Mann, Albert Schweitzer, Albert Einstein. Und mehr als Namen; im Lesen verwandelt das Tagebuch für Augenblicke, auch für längere, sich in eine Chronik des Jahrhunderts. Dessen Finsternis dringt durch. Warburgs Wunsch vom "Tagebuch" als körperlicher Gegenwart des gemeinsamen Denkens von Warburg, Bing und Saxl hat sich nicht wie erhofft erfüllt. Und doch muss auch das Zusammenwirken Warburgs mit Saxl ein Glücksfall, eine "buona ventura" gewesen sein, mehr als das "Tagebuch" erkennen lässt. Wohl über Saxl ist für Warburg Rembrandt (Verschwörung des Claudius Civilis) zu einem Angelpunkt im ganzen Bilderatlas-Unternehmen geworden. Energetischer Transformator Die "mysteriös schöpferische" (Warburg) Gemeinsamkeit mit Gertrud Bing ist am intensivsten während des Italienaufenthaltes von September 1928 bis Juni 1929. In dieser Zeit verändert das "Tagebuch" sich. Beide, Warburg und Gertrud Bing, schreiben ausführlicher, beruhigter, sie fangen an zu erzählen, bewegt, belebt von den Begegnungen mit den Werken und der italienischen Landschaft - "dunkel-ocker und brennend goldenes Grün funkeln gegeneinander". Großartig beschreibt Gertrud Bing die Jubiläumsfeier des Papstes im Petersdom, bis ins Feinste der Gewandungen und Physiognomien der hohen Geistlichkeit, und Warburg gibt seine Schilderung von draußen auf dem Petersplatz dazu. Zugleich aber werden auch in Italien die diplomatischen Aktivitäten fortgesetzt, und die Arbeit am Bilderatlas ist aufs höchste konzentriert. 10. Februar1929: "Nachmittags die Mnemosyne auf zwei Rupfengestelle aufgestellt. Jetzt kann man die ganze Architektur von Babylon bis Manet übersehen und schonungslos kritisieren." ("Architektur": die Gedankenarchitektur des Bilderatlas.) 3. April: "Manchmal kommt es mir vor, als ob ich als Psychohistoriker die Schizophrenie des Abendlandes aus dem Bildhaften in selbstbiographischem Reflex abzulesen versuche..." 10. Mai: "Der Desperado-Akt des Heroischen im Kampfe um den Denkraum. .. Die willentliche Umkehr des an das denkraumlose Chaos verlorenen Animals in ein distanzschaffendes Symbolon - dies ein Akt der Kultur katexochen. Das Symbol funktionierte immer als ein energetischer Umschalter." 23. Oktober 1929, in Hamburg: "Nietzsche spricht einmal von dem (geistigen) ,Teufelsmut der Juden'. Gestern abend habe ich wirklich empfunden, daß man schon von ihm besessen sein muß um mit diesen Problemen der Geisteswanderung anzubinden." Am 26. Oktober 1929 ist Warburg gestorben. Am 25. Juni 1928 hatte er eingeschrieben: "Dämlicher Brief von Nina. Bin kein revolutionierender Reformator: energetischer Transformator." Und einige Seiten später am selben Tag: "Rembrandt der energetische Transformator von der leidenschaftlichen Entladungsgeste zum Accumulator der Leidschaft." Denkwürdig diese Wiederholung desselben Begriffs. Warburgs Erforschungen der Bildergeschichte suchen zu leisten, und leisten, was er durch die besonderen unter den Bildern, die großen Kunstwerke, geleistet sah. HELMUT FÄRBER |
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