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Das Graduiertenkolleg
"Politische Ikonographie" 1990-1999

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Das Graduiertenkolleg "Politische Ikonographie" wurde mit Ablauf des Jahres 1999 offiziell eingestellt.
 
 
 
 
 
 
 

Die hohe Schule der Selbstorganisation - Das Graduiertenkolleg "Politische Ikonographie" 1990-1999

von Thomas Hensel, ehem. Stipendiat und letzter Koordinator des Graduiertenkollegs

64,0 % Teamfähigkeit, 38,4 % Kommunikationsfähigkeit, 24,4 % Eigeninitiative, 22,1 % Einsatzbereitschaft, 16,3 % Sozialkompetenz: Bei diesen Werten handelt es sich nicht etwa um fein abgeschmeckte Zutaten für ein harmonierendes geisteswissenschaftliches Graduiertenkolleg, sondern um ein gelegentlich als abgeschmackt empfundenes Ranking von "Soft Skills", sogenannten weichen Fähigkeiten, die Unternehmen als Schlüsselqualifikationen gelten.

Um ihre künftigen Führungskräfte frühzeitig fördern zu können, orientiert sich auch die Geisteswissenschaft zunehmend an einem Qualifikationskatalog, der privatwirtschaftlichem Kalkül schon seit geraumer Zeit die Auswahl potentieller Entscheidungsträger erleichtert. Aktuelle Stellenausschreibungen lassen keinen Zweifel daran aufkommen, daß etwa der Museumsdirektor in spe ein "Manager mit Museumserfahrung" zu sein habe, eine "Führungspersönlichkeit" mit "organisatorischen Fähigkeiten" und "ausgezeichneter Rhetorik". Gleichgültig, wie man angesichts solcher Auspizien gestimmt ist, sie signalisieren eine allmähliche Umstrukturierung des Wissenschaftsbetriebs und seiner - der branchenübliche Jargon sei erlaubt - Rekrutierungsmethoden gemäß betriebswirtschaftlicher Maximen.

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, probeweise einen (tatsächlich wohl nicht kalkulierten und für gewöhnlich ignorierten) Gewinn des gerade ausgelaufenen Graduiertenkollegs "Politische Ikonographie" herauszustreichen, der in dessen Erfolgsbilanz nur indirekt zu fassen ist. Mithin soll hier nicht die Rede sein von der inhaltlichen Orientierung des vom Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg ins Leben gerufenen Kollegs, die dem Fach weitreichende Perspektiven eröffnet hat; nicht von den Ergebnissen zahlreicher, vornehmlich im Warburg-Haus veranstalteter Tagungen, die sich in viel beachteten Publikationen niedergeschlagen haben; nicht von Volontariaten, Assistenzen oder Hochschuldozenturen, die ehemalige StipendiatInnen ausfüllen.

Die Einrichtung Graduiertenkolleg bietet im allgemeinen nahezu mustergültige Rahmenbedingungen, um jene vielbeschworenen karrierefördernden Schlüsselqualifikationen trainieren zu können. Häufige Gruppendiskussionen in Form regelmäßig stattfindender Plena erfordern beispielsweise soziale Kompetenz und Durchsetzungsvermögen; wiederholte Präsentationen des eigenen Forschungsvorhabens sowie Vorträge auf Tagungen neben der fachlichen Qualifikation im engeren Sinne auch Ausdrucks- und Überzeugungsfähigkeit. Die Vielzahl gebotener Chancen zur Herausbildung spezifischer "Skills", von der Vortragsmoderation bis zur Kongreßorganisation, steigert - nimmt man sie denn wahr - infolge dichter Aufgabenvernetzung Belastbarkeit und Organisationsfähigkeit.

Unter diesem Gesichtspunkt funktionierte das Graduiertenkolleg "Politische Ikonographie" als insgesamt neun Jahre währende "Postkorbübung", bei der unter Zeitdruck einzelne Vorgänge nach ihrer Bedeutung und Dringlichkeit bearbeitet und die notwendigen Entscheidungen getroffen werden mußten. Für die Dauer des individuellen Förderungszeitraums bekam jede Stipendiatin/jeder Stipendiat Gelegenheit, nachhaltige Arbeitsorganisation und effizientes Zeitmanagement in selbstregulierter Intensität zu trainieren. Feedback-Gespräche, etwa als Reaktion auf Verlängerungsanträge, lieferten wertvolle Rückschlüsse hinsichtlich der Akzeptanz eigener Strategien. Wie in einem Assessment Center, dem klassischen Auswahlinstrument für unternehmerischen Nachwuchs, ermöglicht das Graduiertenkolleg, ein Verhalten in Situationen zu schulen, welche denjenigen entsprechen, die einmal über die Effizienz einer Stelleninhaberin/eines Stelleninhabers entscheiden werden.

Auch wenn das vollendete Rezept für die begehrte "Managementkompetenz" nicht existiert, zeichnete das Graduiertenkolleg "Politische Ikonographie" in dieser Hinsicht doch gerade das großzügige Vertrauen aus, mit dem die ausrichtenden DozentInnen den StipendiatInnen alle nur erdenklichen Freiräume zur Ausgestaltung des Kollegs gewährten. Gerade hierin erwies sich unser Graduiertenkolleg als eine hohe Schule der Selbstorganisation, wofür hier - stellvertretend für alle ausrichtenden Dozentinnen und Dozenten - den Professoren Martin Warnke, Wolfgang Kemp und Hermann Hipp herzlich gedankt sei. Es bleibt zu wünschen, daß das Graduiertenkolleg "Politische Ikonographie" nicht das letzte war, das in dieser Weise vom Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg profitiert hat.
 

Herbst 1999

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