Geschichte der Kunstgeschichte
im Nationalsozialismus Das Kunstgeschichtliche Seminar der Hamburger Universität
Die Geschichte des kunstgeschichtlichen Seminars ist eng mit der
Geschichte der ikonologischen Kunstwissenschaft verknüpft. 1921 begann
Erwin Panofsky mit dem Aufbau des Seminars. Fünf Jahre später, im
gleichen Jahr, in dem die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg
(KBW) eröffnet wurde, erhielt er den ersten Lehrstuhl für
Kunstgeschichte der Universität Hamburg. Das Kunsthistorisches Seminar
war in den Räumen der Hamburger Kunsthalle untergebracht. Neben Panofsky
und Karoly von Tolnay lehrten auch die Mitarbeiter der KBW am Seminar:
Aby Warburg, Fritz Saxl und Edgar Wind. Die KBW und das Kunsthistorische
Seminar arbeiteten eng zusammen.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde Panofsky
aufgrund der Rassegesetze entlassen. Er emigrierte in die USA, Saxl und
Wind nach Großbritannien. Die KBW wurde von ihren Mitarbeitern nach
London verschifft, wo sie noch heute als "Warburg Institute"
fortbesteht. Die meisten Studenten des Kreises um Warburg und Panofsky
mussten ebenfalls emigrieren. Damit hatte auch der ikonologische
Forschungsansatz in Deutschland keinen Bestand mehr. Das Hamburger
Seminar sank nach 1933 zu völliger Bedeutungslosigkeit herab. Der
Lehrstuhl Panofskys wurde umgewidmet und erst 1941 mit der Berufung
Hubert Schrades wieder eingerichtet. Durch den häufigen Wechsel der
Lehrenden und die lange Vakanz des Lehrstuhls bzw. das Fehlen eines
Ordinariates, konnte sich kein neuer Forschungsschwerpunkt entwickeln.
Ab dem WS 34/35 leitete der Privatdozent Werner Burmeister kommissarisch
das Seminar. Er war auf die Geschichte der Kunst in Norddeutschland
spezialisiert, insbesondere der Backsteingotik. Burmeister,
Parteimitglied der NSDAP, wandte sich energisch gegen die Panofsky- und
Warburgschule und ihre Schüler. Ludwig Heinrich Heydenreich, der noch
bei Panofsky promoviert hatte, wurde 1934 Privatdozent am Seminar und
schon bald mit der Geschäftsleitung beauftragt. Um ihn scharten sich die
verbliebenen Studenten Panofskys und Warburgs, die letzten promovierten
1937. Heydenreich führte die ikonologischen Forschungen nicht weiter,
wurde aber von rechtsgerichteten Kreisen immer wieder öffentlich
angegriffen. Auch innerhalb des Seminars gab es zahlreiche
Auseinandersetzungen. Ob es Kontakte zwischen den teils untergetauchten
oder emigrierten Schülern Panofskys gab, ist nach wie vor ungeklärt. Ein
Kontakt ins Ausland war wegen der strengen Überwachung und Zensur nicht
möglich. 1941 wurde Hubert Schrade Leiter des Seminars. Doch schon ein
halbes Jahr später nahm er einen Ruf nach Straßburg an, so dass der
Lehrstuhl erneut unbesetzt war. Nach weiteren zähen
Berufungsverhandlungen übernahm Kurt Wilhelm-Kästner zum SS 1941 die
Leitung des Seminars. Wilhelm-Kästner kündigte an, in Hamburg die Kunst
des Nord- und Ostseeraumes erforschen zu wollen, konnte seine
Lehrtätigkeit wegen des Krieges jedoch nur bedingt ausüben. Seine
Assistentin Leni Münscher hielt 1943, nachdem Wilhelm-Kästner an die
Ostfront eingezogen worden war, allein den Seminarbetrieb aufrecht. Sie
blieb bis 1952/53 am Seminar.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vertrat Wolfgang Schöne mit seinen
Forschungen in Hamburg eine phänomenologisch orientierte und
stilgeschichtlich argumentierende Kunstgeschichte. An die ikonologische
Tradition der zwanziger Jahre wurde erst in den siebziger Jahren wieder
angeknüpft. Mit Horst Bredekamp, Klaus Herding und Martin Warnke
entwickelte sich am Hamburger Seminar eine sozialhistorisch
argumentierende Kunstgeschichte, die schließlich in der politischen
Ikonographie mündete.