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Panegyrik und politische Realität

 
  Die für Tizians Reiterporträt beschriebene Akkumulation von Bedeutungen war ein typisches Mittel der höfischen Panegyrik, deren Aufgabe darin bestand, die positiven Eigenschaften des Herrschers lobend hervorzuheben.    
Parmigianino, Allegorie Kaiser Karls V., um 1530   Die künstlerische Überhöhung des Herrschers erfolgte oft durch Hinzufügung von Personifikationen und Attributen. Darauf zielte auch der Vorschlag Pietro Aretinos, der Tizian im April 1548 nach Augsburg schrieb, er solle dem Reiterbild die Personifikationen der Religion und des Ruhmes beifügen, "l'una con la croce e il calice in mano, che gli mostrasse il cielo, e l'altra con le ali e le trombe che gli offerisse il mondo". Die Personifikationen sollten das Bildnis um die Aussage erweitern, daß der Sieg über die Protestanten mit göttlicher Unterstützung erlangt worden sei und dem Kaiser nun die Weltherrschaft zustehe. Auf diese allegorische Weise hatte Parmigianino (Abb. links) Karl V. mit einem Gemälde gehuldigt, das ihn als Weltenherrscher zeigt, dem ein kleiner Herkules die Weltkugel und die Personifikation der Fama einen Lorbeerzweig reicht.    
Umkreis der Schule von Fontainebleau, Allegorisches Porträt von Franz I., um 1545  

Eine andere Form ist beim französischen Herrscherporträt der Zeit zu beobachten. Ein Porträt Franz I. (Abb. links) zeigt den Körper des Königs zusammengesetzt aus Attributen der antiken Götter Mars, Merkur, Diana, Venus und Armor. Die Bildunterschrift erklärt dieses Kompositbildnis so, daß der König in allen Situationen den höchsten Ansprüchen gerecht werde, im Krieg wie Mars, im Frieden wie Minvera ... Hier zeigt sich klar die Doppeldeutigkeit des Herrscherlobes, sein zugleich bestätigender wie auffordernder Charakter: Der Fürst beansprucht diese Eigenschaften, er muß sie aber auch erfüllen.

Tizian wählte für sein Reiterporträt ein gegensätzliches Verfahren, in dem er die Bedeutungen und Eigenschaften nicht äußerlich hinzufügte, sondern der Figur des Kaisers einschrieb. Damit hob er die Differenz zwischen Amt und Person auf. Herrschaft war nicht mehr durch göttliche Legitimation garantiert, sondern mußte persönlich und mit körperlichem Einsatz erworben werden. Um die Anforderungen des Amtes zu erfüllen, mußte Karl V. die Eigenschaften des militärischen Siegers, des christlichen Ritters und des weltbeherrschenden Kaisers in seinem Körper vereinen. Das ist die Botschaft des Bildes.

   
 

In der politischen Realität wurde aber schon während des Reichstages in Augsburg deutlich, daß der Kaiser weder Kraft seines Amtes noch seiner Person in der Lage war, die widerstrebenden Kräfte im Reich und seinem gesamten Herrschaftsgebiet zusammenzuhalten. Als er 1555 in Brüssel als erster Kaiser abdankte und sich nach Spanien in ein Kloster zurückzog, gestand er damit ein, als Person die Anforderungen des Kaisertitels nicht mehr erfüllen zu können.

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Literatur
Pietro Aretino, Le lettere sull'Arte, 1957, Bd. II, S. 212f.

Martin Warnke, Das Kompositbildnis, in: Andreas Köstler und Ernst Seidl (Hg.), Bildnis und Image. Das Porträt zwischen Intention und Rezeption, Köln u.a. 1998, S. 143-150

Druckversion Herrscherporträt

   
           
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