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Verschiedene Identitäten

 

 

 
               
Medaille auf Kaiser Karl V., 1549, Silber, gegossen  

Karl V. als novus caesar
Neben den beschriebenen religiösen sind auch imperiale Allusionen in Tizians Reiterporträt enthalten. Seit der Kaiserkrönung 1530 in Bologna arbeitete die politisch und kulturell einflußreiche Umgebung Karls V. intensiv daran, seine Kaiserwürde durch die Verbindung zum antiken Kaisertum zu legitimieren und zu nobilitieren. In diesen Kontext ordnet sich auch Tizians Werk ein, das in genau dem Moment entstand, als der Kaiser nach dem Sieg bei Mühlberg wieder über ein Weltreich im antiken Sinne herrschte.

Die gesuchte Nähe zur Antike zeigte sich schon früh in der Veränderung der äußeren Erscheinung Karls V. Anläßlich der Krönung ließ er die bis dahin nach burgundischer Mode lang getragenen Haare zu einer Kurzhaarfrisur im Stil römischer Imperatoren kürzen, und trug seitdem auch einen kurzen Bart à la italiana. Die Bildnisse Karls V. auf Medaillen veranschaulichen diesen Wandel: Eine von Hans Schwarz 1520 gegossene Medaille bezeichnet den Dargestellten als römischen Kaiser und spanischen König (ersteres war Anspruch, aber noch keineswegs Realität) und präsentiert ihn mit kinnlangem Haar und in burgundischer Tracht. Eine 1530 von Matthes Gebel anläßlich der Krönung gegossene Medaille zeigt den Kaiser nun mit kurzem Haar. Seit den 40er Jahren entstanden Medaillen (siehe Abb. links), mit denen die Anpassung an die antike Kaiserikonographie noch deutlicher wurde, indem Karl V. nun oft mit einem Lorbeerkranz im Haar dargestellt ist.

     
  Marc Aurel als Vorbild
Tizians Reiterporträt knüpft an die antike Tradition an, den Kaiser für besondere Verdienste mit einem Reiterstandbild zu ehren. Als einziges antikes Reitermonument ist die überlebensgroße bronzene Reiterstatue Kaiser Marc Aurels (161-180 n. Chr.) erhalten. Sie wurde unter Papst Paul III. 1538 wieder an ihrem ursprünglichen Ort auf dem Kapitol in Rom aufgestellt. Der Kaiser, mit Tunika und Chlamys bekleidet, hält mit der linken Hand das feurig trabende Pferd scharf am Zügel, während er den rechten Arm - gleichermaßen als Unterwerfungs- und humilitas-Gestus zu verstehen - seitlich gestreckt hält.

Der Vergleich zwischen Marc Aurel (Abb. u. rechts) und Karl V. (Abb. u. links) wurde auch von den politischen Beratern Karls V. gerne in Anspruch genommen, hatten sie doch in der stoischen Philosophie des antiken Kaisers einen ethischen Bezugspunkt für das Image des Habsburgers entdeckt. In diesem Sinne wäre der auf Tizians Reiterporträt nachdenklich und bewegungslos in die Ferne gerichtete Blick als Ausdruck der stoischen, sittlich vorbildlichen Selbstüberwindung des Dargestellten zu verstehen.

     
               
    Tizian, Karl V., 1548, Madirid   Reiterstatue, Marc Aurel, Rom      
           
  Vorläufer und Nachfolger
Die lange Rezeptionsgeschichte des Marc Aurel-Denkmals ist vielfältig und zugleich eine Geschichte der machtpolitischen Repräsentation. Eine Reiterstatuette Karls des Großen zitiert das antike Kaiserdenkmal und auch das um 1250 geschaffene Magdeburger Reiterstandbild (Kaiser Otto I.?) ist nicht ohne die Kenntnis des römischen Vorbildes zu verstehen. Im 14. Jahrhundert schmückten norditalienische Machthaber wie Bernardo Visconti zur Erinnerung an ihr ritterliches Ethos ihre Grabmäler mit einem Reiterbildnis. Im Quattrocento wurden erfolgreiche und mächtige Condottieri, wie John Hawkwood und Nicolo Manuzi da Tolentino im Florentiner Dom oder Erasmo da Narni, gen. Gattamelata in Padua auf der Piazza del Santo nach ihrem Tod mit Reiterdenkmälern geehrt.

Aus dem Umkreis Kaiser Maximilians I. sind Überlegungen für ein Reiterdenkmal im Chor des Augsburger Domes St. Ulrich und Afra bezeugt, das aber nicht realisiert wurde. Auch der kaiserliche Bildhauer Leone Leoni soll Karl V. nach dem Sieg bei Mühlberg ein bronzenes Reiterdenkmal vorgeschlagen haben, was dieser aber ablehnte. Ausgeführt wurde schließlich Tizians Reiterporträt im Medium der Malerei, das wiederum Vorbild wurde für zahlreiche Herrscherbildnisse im 17. Jahrhunderts, für die hier stellvertretend van Dycks Reiterporträt Charles I. (Abb. u. links) und Philipp IV. zu Pferde von Vélazquez (Abb. u. rechts) genannt seien.

 

     
 

Andere kaiserliche Vorbilder
Das Kaiserbild Karls V. blieb nicht auf den Vergleich mit Marc Aurel beschränkt, auch andere imperiale Vorbilder wurden herangezogen. So wurde der für den Sieg entscheidende Entschluß Karls V., die Elbe bei Mühlberg zu überschreiten, mit Caesars Überschreiten des Rubicon verglichen. Der spanische Hofhistoriograph Luis de Avila y Zuniga berichtet, daß der Kaiser nach dem Sieg den denkwürdigen Ausspruch Caesars "veni, vidi, vici" in "veni, vidi, Deus vicit" abgewandelt und damit selbst die Verbindung vom antiken zum christlichen Kaisertum hergestellt habe. Karls Kriegszug gegen den Schmalkaldischen Bund wurde auch mit den - allerdings sehr viel länger dauernden - Sachsenkriegen Karls des Großen verglichen.

Karl V. und die Universalmonarchie
Ideologische Grundlage für das künstlerisch, rhetorisch und literarisch geschaffene imperiale Image Karls V. war die mittelalterliche Staatstheorie von der monarchia universalis, der kaiserlichen Universalherrschaft, die als Garant für Frieden, Ruhe und Ordnung galt. Dem Kaiser als Inhaber des Imperiums, der höchsten Staatsgewalt, kam die Aufgabe zu, die Einheit des Reiches und des Christentums zu schützen. Gleichzeitig wurde jeder zum Feind erklärt, der sich dem Kaiser und seinem Auftrag widersetze, weil er damit den Frieden gefährde. Der Verstoß dagegen wurde auch als Argument für die Kriegserklärung gegen die beiden Anführer des Schmalkadischen Bundes, den Herzog von Sachsen und den Landgrafen von Hessen, verwendet, die den kaiserlichen Feldzug gegen die Protestanten eröffnete und in der Schlacht bei Mühlberg kulminierte.

Die kaiserlichen Implikationen in Tizians Reiterporträt sind also vor dem Hintergrund des politischen Anspruchs der Universalmonarchie zu sehen. Wenn Karl V. sich hier als siegreicher Kaiser präsentiert, kämpferisch die Lanze in der Hand, so wird anschaulich vermittelt, daß er jederzeit Willens und in der Lage ist, seine Aufgabe, den Schutz des Christentums, zu erfüllen und - mit Bezug auf Mühlberg - sie auch aktuell erfüllt hat.


Literatur
Wolfgang Braunfels, Tizians Augsburger Kaiserbildnisse, in: Kunstgeschichtliche Studien für Hans Kauffmann, Berlin 1956, S. 204/05

Erwin Panofsky, Classical Reminscences in Titians Portraits, in: Festschrift Herbert von einem zum 16. Februar 1965, Berlin 1965, S. 84-87

Walter Liedtke, The Royal Horse and Rider. Painting, Sculpture and Horsemanship, New York 1989, 40f, 188

Luba Freedman, Titian's Portrait through Aretino's lens, Pennsylvania State University 1995, S. 115-125Franz Bosbach, Monarchia Universalis: Ein politischer Leitbegriff der Frühen Neuzeit, Göttingen 1988
     
               
    Anthonis van Dyck , Reiterporträt Karls I. 1637-38, London   Reiterporträt Philipp IV., 1634-35, Madrid      
           
       
       
               
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