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Verschiedene Identitäten

 

 

 
               
  Karl V. als miles christianus
Die mimetische Ebene des Bildes wird ergänzt und erweitert durch eine sinnbildliche, die sich ebenfalls aus der Anschauung ableiten läßt. Es sind wesentlich die Lanze und das Bewegungsmotiv des sprengenden Pferdes, die - von der Forschung schon seit längerem erkannt - eine Parallele zur Ikonographie des hl. Georg aufweisen.

Die Geschichte des aus Kappadokien stammenden christlichen Ritters ist in der Legenda aurea und anderen Quellentexten überliefert.

Im 15. und 16. Jh. hatte sich eine Darstellungskonvention für den Schutzheiligen des Ritterwesens etabliert, wie sie exemplarisch auf Raffaels Gemälde zu sehen ist: Georg, schwer gerüstet auf einem sich aufbäumenden Pferd, versetzt dem Drachen mit erhobener Lanze einen tödlichen Stoß, während die gerettete Königstochter vom Hintergrund aus das Geschehen verfolgt. Auch wenn der Drache und die Königstochter auf Tizians Gemälde fehlen, so eröffnen die Lanze und das sprengende Pferd die Möglichkeit einer christlichen Allegorese des Kaiserporträts.

     
               
    Tizian, Reiterporträt Karl V., 1548   Raffael, Hl. Georg, 1505      
           
   
Der hl. Georg als Sippenheiliger der Habsburger
Der hl. Georg, Schutzheiliger und Symbolfigur des mittelalterlichen Ritterwesens, war für die Habsburger seit der Gründung eines St. Georg-Ritterordens 1469 unter Kaiser Friedrich III. eine Identifikationsfigur von besonderem Rang. Der zum Kampf gegen die Türken gegründete Orden wurde vor allem von Kaiser Maximilian I., dem Sohn Friedrichs III. und Großvaters Karls V., gefördert.

Zwei farbige Holzschnitte, die Hans Burgkmair 1508 in Augsburg schuf, verdeutlichen die enge Verbindung Maximilians I. zu Georg: Während eines der Blätter ein Reiterporträt des schwergerüsteten Kaisers zeigt, ist auf dem Pendant ein mit dem Kreuz des Georgsordens ausgewiesener Ritter zu sehen, der ein Drachenungeheuer überwältigt. Beide Holzschnitte stehen für Maximilians politisches Konzept, in der Nachfolge des hl. Georg als miles christianus für Einheit und Stärke des Christentums zu kämpfen.

     
               
    H.  Burgkmair , Hl. Georg, 1508   H.  Burgkmair , Reiterporträt Maximilian I., 1508      
           
   
Zwei von Hans Daucher 1522 geschaffene Reliefs variieren die Thematik der Holzschnitte in einem anderen Material. Während Kaiser Maximilian I. hier explizit als hl. Georg dargestellt ist, wird nun auch sein Nachfolger Karl V. in die dynastische Tradition einbezogen, in dem er als Georgsritter vor landschaftlichem Hintergrund erscheint. Die Verbindung eines Reiterporträts mit Landschaft ist hier für Karl V. bereits vorgeprägt.
     
               
    H.  Daucher, Kaiser Maximilian I. zu Pferd als heiliger Georg, um 1522   H.  Daucher, Kaiser Karl zu Pferd, 1522      
           
   
Schützer des Christentums

Die Georgsikonographie war also wesentlicher Bestandteil des politischen Images dieser beiden habsburgischen Herrscher. Mit dieser Selbstdarstellung als starke Beschützer des Christentums erfüllten sie zugleich vielfältige, von außen an sie gerichtete Erwartungen: Als Mitglieder des Ordens vom Golden Vlies, dessen Ordenskollane sie deutlich sichtbar tragen (Karl V. auch auf Tizians Reiterporträt), waren sie zur Verteidigung des christlichen Glaubens verpflichtet; Erasmus von Rotterdam hatte 1503 eine einflußreiche Schrift über den christlichen Ritter ("Enchiridon milites christiani") veröffentlicht, an der in humanistischen Kreisen das Verhalten der Habsburger gemessen wurde; und schließlich oblag ihnen vor allem durch den Titel als Kaiser des Hl. Römischen Reiches dt. Nation in der Tradition der mittelalterlichen Staatstheorie die Verteidigung des christlichen Glaubens und die Sorge für den Frieden.

Auf diese Erwartungen und das Selbstverständnis Karls V. spielt Tizians Reiterporträt an. Indem es auf der gegenständlichen Ebene auf den Sieg über die abtrünnigen Protestanten verweist, demonstriert es zugleich die Erfüllung dieser Ansprüche an einen christlichen Kaiser. Daß der Sieg bei Mühlberg sich dann auch noch am Abend vor dem Jahrestag des hl. Georg ereignete, mußte die Zeitgenossen darin bestärken zu glauben, der Kaiser stehe unter dem besonderen Schutz des Heiligen.

Literatur
Wolfgang Braunfels, Tizians Augsburger Kaiserbildnisse, in: Kunstgeschichtliche Studien für Hans Kauffmann, Berlin 1956, S. 192-207

Herbert von Einem, Karl V. und Tizian, in: Karl V. - der Kaiser und seine Zeit, hrsg. P. Rassow und F. Schalk, Köln 1960, S. 67-93

Erwin Panofsky, Classical Reminscences in Titians Portraits, in: Festschrift Herbert von einem zum 16. Februar 1965, Berlin 1965, S. 84-87

J. Oberhaidacher, Zu Tizians Reiterbildnis Karls V. Ein Untersuchung seiner Beziehung en zum Georgsthema, Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien 78 (1982), S. 69-90

     
               
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