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Verschiedene Identitäten

Karl V. als Sieger von Mühlberg

 

  Tizian,  Karl V., 1548   Helmschmid, sog. "Rüstung von Mühlberg", 1544, Madrid  
   

Tizians Porträt wird heute üblicherweise unter dem Titel "Karl V. bei Mühlberg" oder "Karl V. als Sieger von Mühlberg" geführt. Es handelt sich dabei um einen kunsthistorischen Titel, der nicht historisch überliefert ist. In alten Inventaren ist das Gemälde schlicht als "Bildnis des Kaisers zu Pferd" bezeichnet. Der moderne Bildtitel nimmt zum einen Bezug auf das historische Ereignis, das den Anlaß für den Porträtauftrag gab, zum anderen aber auch auf die künstlerische Darstellungsform, die darauf abzielt, die Erscheinung Karls V. in der Schlacht wahrheitsgetreu wiederzugeben.

Denn nicht nur die Physiognomie, auch Rüstung, Waffe und Pferd des Kaisers sind entsprechend der historisch realen Situation dargestellt. Der spanische Kavalleriegeneral Don Louis de Avila y Zuniga, der an dem kaiserlichen Feldzug durch Deutschland selbst teilgenommen hatte, schilderte Karl V. in der Schlacht bei Mühlberg folgendermaßen: "Der Kaiser ritt ein spanisches Pferd von dunkelbrauner Farbe ... auf karmesinroter, mit goldenen Fransen eingefaßter Samtdecke. Er selbst trug einen Stahlharnisch mit Vergoldung und darüber nur ein breites, goldverbrämtes Band von karmesinrotem Taft, außerdem eine deutsche Haube und eine kurze Lanze, den Jagdspießen ähnlich." Einem Brief von Pietro Aretino an Tizian ist zu entnehmen, daß das Reiterporträt offensichtlich auf den ausdrücklichen Wunsch des Kaisers entstand, der von seinem Hofmaler genau so dargestellt werden wollte, wie er den Sieg in Sachsen errungen hatte: auf demselben Pferd und mit derselben Rüstung ("... su lo istesso cavallo e le medeime armi che aveva il di vinse la gionata in Sasogna ...") .

Der von Avila genannte Reiterharnisch wurde 1544 von dem Augsburger Waffenschmied Desiderius Helmschmid angefertigt und befindet sich heute ebenso wie das Zaumzeug und die Satteldecke des Pferdes in Madrid. Der Vergleich des Bildes mit dem historischen Bericht und den erhaltenen Originalen zeigt, daß Tizian sehr genau bis in die Details der Rüstung die reale Erscheinung des Kaisers auf dem Schlachtfeld bei Mühlberg wiedergab.

Auch die nordalpine Landschaft mit Flußlauf im Hintergrund scheint dem tatsächlichen, zwischen Meißen und Wittenberg an der Elbe gelegenen Schauplatz des Ereignisses ebenso zu entsprechen wie die tiefstehende Sonne als Hinweis auf das Ende des Kampfes gegen Abend zu verstehen ist.

Die Form der wahrheitsgetreuen Darstellung, wie sie Tizian in diesem Bild physiognomisch, realienkundlich, topographisch und zeitlich umsetzte, wurde in der zeitgenössischen Kunsttheorie mit dem Begriff aequalitas bezeichnet, was meint, daß das Bild der Realität, der Natur "gleiche". Ein wichtiges Kriterium für diese "Gleichartigkeit" ist die lebensgroße Darstellung, die ein Bild täuschend echt erscheinen läßt. Auch diese finden wir in Tizians Reiterporträt realisiert. Indem das Bild mit künstlerischen Mitteln die reale Präsenz Karls V. imaginiert, wird für jeden Betrachter die Erinnerung an den Sieg und der Beweis militärischer Stärke immer wieder neu erfahrbar.

   
   

 

Literatur
Syvia Ferino-Pagden, Des Herrschers "natürliches " Idealbild: Tizians Bildnisse Karls V., in: Ausst.Kat. Kaiser Karl V. (1500-1558). Macht und Ohnmacht Europas, Bonn, Wien 2000, S. 70/71

Àvila Y Zúniga, Comentario de la guerra de alemania hecha por Carlos V. … en el ano 1546 y 1547 [Madrid und Antwerpen1549], Madrid 1852

Fernando Checa, Tiziano y la monarquia hispanica, Madrid 1994, S.39-44

zu "aequalitas":
Gabriele Paleotti, Discorso intorno alle imagini sacre e profane (1582), in: P. Barocchi, Trattati d'Arte del Cinquecento fra il Manierismo e la Controriforma, II, Bari, 1961, S. 134-135,

Victor I. Stoichita, Imago Regis. Kunsttheorie und königliches Porträt in den Meninas von Vélazquez, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 49 (1986), S. 168/69

   
         
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