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Der Fall der Mauern

 

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Mauerniederlegung - Mannheim 1799   Für viele Städte war die Niederlegung der Mauern, das, was man damals "Demolition" nannte, ein stadtgeschichtlich fast so einschneidendes Ereignis wie die Errichtung der Mauer selbst. Es muß die Stadtbewohner vor allem im 18. Jahrhundert fundamental berührt haben. Gut tausend Jahre lang waren die Stadtmauern Inbegriff und Symbol der Stadt, ihr Schutz und ihre Freiheitsgaranten - und jetzt fiel eine nach der anderen nieder. Der Raum öffnete sich; der Bürger war dem unendlichen Raum ausgesetzt - nichts trennte ihn mehr vom gewöhnlichen Landbewohner. Diese Stimmung hat der revolutionär gestimmte deutsche Reisende Georg Forster in Tournay 1790 zum Ausdruck gebracht, wo er zwar die "öden Schutthaufen" beklagte, die von den Festungsanlagen herumliegen, sich dann aber trotzdem freut darüber, daß "diese unnatürlichen Denkmäler der zügellosen Leidenschaft unserer barbarischen Voreltern endlich als unnütz abgeschafft werden" (9).

Wir können leicht den kunsthistorischen Aspekt der Sache rekonstruieren, nämlich erkunden, was die Architekten und Stadtväter mit den oft gewaltigen Flächen anstellten. Die gängigste Prozedur ist leicht vorstellbar: Man ließ die Mauern einfach verfallen, sei es daß man sie als Steinreservoir freigab, oder sei es, daß die Bürger sie für den Häuserbau unmittelbar nutzten. Doch es gibt Gegenbeispiele, aus denen ersichtlich wird, daß hier eine große urbanistische Aufgabe gestellt war. Eine der frühesten und vorbildlichsten Lösungen ist seit 1764 in Münster in Westfalen unternommen worden, wo die Befestigungsanlage in eine großzügige Lindenpromenade verwandelt wurde, ein Spazierweg, der noch heute der beliebteste Weg der Bürger ist. Ähnlich hat man es 1802-1810 in Bremen angefangen: auf und zwischen den Wällen der Stadt ist eine der schönsten Grünbereiche Deutschlands entstanden. So ist aus der Militärzone eine Rekreationszone geworden. Das ist in einer besonderen Weise auch in Hamburg der Fall: Hier hatte man um 1620 aus militärischen Gründen einen Fluß, die Außen-Alster gestaut, um durch einen großen See eine Schutzzone zu haben. Dieser See ist inzwischen zu einer der berühmten großstädtischen Erholungsplätze geworden.

     
               
           
           
   

Im übrigen aber legte man auf den gewaltigen Festungsanlagen Alleen an, die genügend Raum für Eisenbahnschienen und die städtische S-Bahn ließ. So hat es auch Berlin gemacht: die ehemalige Ausfalltore in der Stadtmauer - das Hallesche Tor, das Kottbusser Tor, das Frankfurter Tor - sind jetzt Namen von verkehrsreichen U-Bahnhöfen. Florenz hat mit Anlagen verbundene Umgehungsstraßen zum Grüngürtel angelegt. In Wien wurde mit dem Ringstraßenprojekt eines der ehrgeizigsten urbanistischen Unternehmungen des vorigen Jahrhunderts realisiert.

In Wien ist zusätzlich etwas eingerichtet worden, das dann in vielen anderen Städten Parallelen hat: hier wurden Bildungsanstalten angelegt, vor allem Museen; Hamburg, Bremen, Braunschweig und London haben das dann nachgemacht. Wenn die Mauern so etwas wie eine Aura um die Stadtgemeinde legten, dann versuchen die Bildungsanstalten davon etwas in die neue Zeit zu retten.Wenn die Stadtmauer über Jahrtausende die Signatur eines behüteten städtischen Daseins gewesen ist, dann muß doch deren Wegfall so etwas wie einen Mentalitätseinbruch hervorgebracht haben: An die Stelle des Umgrenzten, Gesicherten, Gefaßten tritt das unendliche, dynamisch wuchernde Gebilde, der Moloch, das unkontrollierte sich ausweitende, sich in das Land hinausfressende Ungetüm; die Literatur aller Gattungen und die illustrativen Künste haben seither ein großes Metaphernfeld für die Ungastlichkeit und zwischenmenschliche Entfremdung in der Stadtwirklichkeit hervorgebracht. Wo einmal die Stadtmauern waren, sind Reste von Grün, von Kunst und Bildung. Die alte, friedlich daliegende, eingehegte, gesicherte Stadt nistet noch immer in unserer Stadtvorstellung - doch eher als eine rückwärtsgewandte Utopie, weniger als nachvollziehbare Wirklichkeit.

 

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9 Georg Forster, Ansichten vom Niederrhein: Von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich, im April, Mai und Junius 1790. Frankrurt a.M. 1989, S. 306

     
               
           
           
   

 

     
               
           
           
         
               
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