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Die Mauer als symbolische Form

 
  Es ist aufgefallen, daß in manchen Städten mehr Türme gebaut wurden als eigentlich nötig waren ( Rothenburg). Wehrtechnisch waren Türme nur dort sinnvoll, wo man über eine Anhebung des Geländes blicken wollte, hinter dem der Angreifer sich verstecken konnte. Daß in Wirklichkeit viel mehr Türme auftauchen als fortifikatorisch notwendig waren, hat Gründe, die praktisch nicht nachvollziehbar sind.    
Holstentor - Lübeck  

Notwendig war auch eine turmartige Verstärkung der Tore (Köln). Aber von einem so gewaltigen Tor wie dem Holstentor in Lübeck kann man mit Sicherheit sagen, daß es nicht mehr zur Verteidigung, sondern nur noch aus repräsentativen Gründen, wahrscheinlich mit Blick auf die aggressiven dänischen Könige, gedacht war. Es mischen sich also in die rein fortifikatorischen Zweckbestimmungen der Befestigungsanlagen auch andere Motive.

Zwei Sphären lassen sich in solchen Tendenzen zu einer überschüssigen Ausgestaltung der Stadtmauer unterscheiden, eine rechtliche und eine religiöse. Die Stadt war ein eigenes Rechtsgebiet. Man unterstand ethisch und rechtlich anderen Normen, sobald man die Stadtmauer in die Stadt hinein durchschritten hatte. Der berühmte, im 19.Jahrhundert geprägte Spruch "Stadtluft macht frei!" benennt diese rechtliche Verwandlung, daß man nach einer bestimmten Frist der Seßhaftwerdung in der Stadt aus der feudalen Struktur einer persönlichen Leibeigenschaft entlassen und jetzt einer stadteigenen Gerichtsbarkeit, allerdings auch einer strengen Friedenspflicht unterstellt war. Durch diese juridische Aufladung bedeutete also die Stadtmauer schon auch etwas anderes als nur eine militärische Maßnahme. Seit dem 15. Jahrhundert stritten sich Stadträte und Stadtherren, wem die Verfügung über die Schlüssel der Stadttore zustehe; es war immer eine besondere Zeremonie, wenn ein fürstlicher Oberherr seinen Besuch in einer Stadt seines Territoriums ankündigte und ihm vor den Toren der Stadt vom Rat die Schlüssel überreicht wurden.

In dem "Politischen Schatzkästlein", das Daniel Meisner seit 1625 in zahlreichen Bändchen veröffentlichte, hat er jeder Stadt Europas eine Moral und eine entsprechende bildliche Allegorie beigegeben. So bringt er den machtvollen Festungsgürtel der kleinen Stadt Ziegenhain in Hessen unter das Motto "Recht und Frieden", von denen er wünscht, daß sie "die Völcker allezeit" regiere. Eine Frau mit dem Schwert und der Waage der Gerechtigkeit in der Rechten und der Friedenstaube und dem Ölzweig in der Linken bekräftigt diesen Wunsch, der in der damaligen Vorstellung seinen sichersten Garanten in einer machtvollen Stadtmauer hatte.

   

Fassade von St. Pantaleon - Köln

  Man rechnet heute auch mit einer religiösen Symbolik der Stadtmauer, mit Allusionen an die Türme von Jerichow, oder des heiligen Jerusalem. Oft konnte die Mauer durch das Stadttor vertreten werden, das als pars pro toto die Stadt insgesamt meinte. Dieses Stadttor hat häufig drei Türme, so wie sie die romanischen Kirchenfassaden in der Bedeutung einer Stadtallusion gerne übernehmen (5) ( Köln, St.Pantaleon; Worms West). In Florenz oder Arezzo waren die Tore mit Bildern der Stadtpatrone oder der Muttergottes bemalt (6). Auf Altarbildern erscheinen seit dem 15.Jahrhundert immer öfters realistisch wiedergegebene Stadtansichten, die belegen, daß man diese Lebensumwelt als Gottesgabe zu verstehen suchte ( Köln, Lübeck). Man hat festgestellt, daß Stadtneugründungen in ganz Europa seit dem 12. Jahrhundert den quadrierten Kreis ihrer Anlage zugrundelegen und daß man damit die übliche Idealsignatur für Jerusalem nachahmt (7), besonders deutlich etwa an dem Stadtgrundriß von Brilon in Westfalen. Diese Quadrierung aus dem imaginären Jerusalem ist noch heute in europäischen Sprachen präsent, wenn von "quartiere", "quartier", "cuartel" (portugiesisch "quartel"), von "Viertel" gesprochen wird (8).    
  Die Stadtmauer gewinnt offenbar eine solche Symbolkraft, daß sie auch dort eingesetzt wird, wo es eigentlich sinnlos und entbehrlich war: Im Aachener Evangeliar Ottos III., das um 1000 in der Reichenau mit Buchmalereien versehen wurde, ist die Stelle aus Matthäus 20, Vers 20-28 so illustriert, daß die zwei Sitze zur Rechten und zur Linken Gottes, welche die Frau des Zebedäus für ihre Söhne erbittet, als ummauerte Städte verbildlicht sind, offenbar, weil sie als Inbegriff der Wohlbefindlichkeit und Sicherheit gelten.    
  Noch ertaunlicher aber ist es, daß das Paradies eine Mauer besitzen kann - obwohl doch die Welt insgesamt sich in einem Unschuldzustand sich befindet und der Bewohner eines Paradieses sich gegen niemanden verteidigen müssen sollte. Stephan Lochners Jüngstes Gericht läßt nichtsdestotrotz auf seiner Gerichtstafel von 1410 die Seligen durch ein Stadttor ins Paradies strömen. Die profanen neuzeitlichen Versionen des Paradieses haben eine Mauer: obwohl die Insel Utopia des Thomas Morus insgesamt eine Friedenslandschaft ist, umgibt doch eine jede der dortigen Städte "eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Türmen und Bollwerken". Selbst das Neue Jerusalem am Ende der Zeiten stellt sich Johannes Sadeler im 17. Jahrhundert torreich und vollbefestigt vor.

So konnte die Stadtmauer über ihre Schutzfunktion hinaus mehrere Bedeutungen auf sich vereinen. Diese Bedeutungsfracht war gewiss auch dafür verantwortlich, daß die Stadtmauer noch bis heute für alles stehen kann, was die positiven Seiten der Stadt ausmacht. Sie hat sich über die Niederlegungsswellen gegenüber den Stadtmauern seit dem 18.Jahrhundert hinaus gehalten. Die Stadtmauern waren nicht mehr brauchbar und nicht mehr nötig. Einerseits machte die Schlagkraft moderner Geschütze die Mauern überflüssig, andererseits verlagert der moderne Flächenstaat die Schutzgrenze für die Bewohner eines ganzen Territoriums weit ins Land.


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5 Günter Bandmann; Ma. Arch. als Bedeutungsträger. Berlin 1951
6 Ebda 139
7 Werner Müller: Die heilge Stadt. Stuttgart 1961, S.58ff
8 Ebda

     
           
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