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Schluss: Künstlerdienste

 

 

Druckversion Einführung

 

 

 

  Das Ausscheiden der modernen Kunst aus gesellschaftlichen Praxis- und Dienstbeziehungen, heißt nicht, daß diejenigen Bedürfnisse und gesellschaftlichen Belange, die in vormodernen Zeiten durch Kunstwerke gedeckt, befriedigt oder geweckt wurden, heute nicht mehr gegeben wären und nicht mehr bedient werden müßten. Bilder und deren Konsum spielen seit dem 20. Jahrhundert eine größere Rolle als je zuvor. In Deutschland sitzt durchschnittlich jeder Mensch 3,5 Stunden am Tage vor dem Fernseher, in Amerika ist es wesentlich mehr. Es gibt außerhalb der Arbeit nichts, was eine so konzentrierte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Werbeetats der Industrie, der Parteien und Regierungen, die Investitionen der gesellschaftlichen Institutionen für ihre visuelle Ausstattung übersteigen alle Vorstellungen und Maßstäbe, die entsprechenden Institutionen in der Vergangenheit je zu ihrer Ausstattung und Selbstdarstellung aufgewendet haben. Die Mittel und visuellen Strategien, die dabei zur Anwendung kommen, können durchaus denjenigen entsprechen, welche in der alten Kunst gebräuchlich waren. Bevor die Kunst autonom geworden war, hatte sie politische und alltägliche Handlungen nicht nur abgebildet, sondern auch inszeniert und für bestimmte Blickrichtungen und für bestimmte Interessen verwertbar gemacht. Dieser Bedarf ist nach wie vor vorhanden, sogar in einem Ausmaß, das die Möglichkeit der konventionellen Künste weit übersteigt.
   
  Die Aufgabe, bei wenigen relevanten Leuten für einen Fürsten zu werben, konnte in früheren Epochen, durch ein gemaltes oder skulpiertes Bild oder durch eine gemalte oder skulpierte Allegorie angemessen erledigt werden. Für die Herstellung des neuen massenwirksamen Bildes, das in Demokratien jedermann zu erreichen hat, waren die neuen reproduzierenden Medien, besonders die Fotografie und die davon abgeleiteten Bildtechniken, sehr viel besser geeignet.
So werden z.B. Bildnisse von Herrschern und politischen Köpfen etwa für einen demokratischen Wahlkampf so massenhaft gebraucht, daß der Künstler mit seinen handwerklichen Mitteln, mit Pinsel und Palette, den Bedarf gar nicht mehr decken könnte. Doch bleiben wesentliche Bestandteile der Präsentation und des Herstellungsverfahrens der Bildnisse alter Kunst gültig und brauchbar. So hat Kaiser Maximilian gelegentlich die Korrektur eines Münzbildnisses von sich verlangt, weil es aussah, "als ob ich schilchte".
   

 

Die zahllosen nachweisbaren Verschönerungen an alten Herrscherbildnissen entsprechen den Prozeduren, die in den Fernsehstudios, in den "Masken" praktiziert werden: Vor dem Fernsehauftritt läßt man sich am lebendigen Leib zum Bildnis stilisieren, man läßt sich schminken, achtet auf die richtigen Einstellungen; man läßt Lesepulte konstruieren, damit es so aussieht, daß man frei spreche; man läßt sich den Himmelsblick wegtrainieren, da er jeden Fernsehauftritt verdirbt. Längst sind es nicht mehr die Maler, die solche Idealbilder ausgestalten, dies müssen in einem anderen Medium der Regisseur, der Kameramann oder die Cutterin leisten, wobei die alten Verfahren auch nach dem grundlegenden Medienwechsel, den das Bildnis erlebt hat, noch in Anwendung kommen.

Die Politische Ikonogaphie behandelt also ihre historischen Gegenstände in dem Bewusstsein, dass die Mittel und Wege, die dabei zum Einsatz kommen, immer noch gültig sind. In den Kunstwerken der Vergangenheit sind vielfach Wünsche und Normen, gessellschaftliche Bedürfnisse und Phantasien sinnlich veranschaulicht worden, die noch heute die Menschen bewegen. In gleichem Maße jedoch sind auch Ideologien, Verdrehungen der Wahrheit, Überblendungen der Wirklichkeit durch Kunstwerke befördert worden.

 

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